NACHHALTIGKEITSBERICHT
2016

Für einen zukunfts­fä­higen Kaffee­anbau: Trans­for­ma­ti­ons­prozess weiter voran­treiben

Seit über 65 Jahren bieten wir unseren Kunden beste Kaffee­qua­lität. Um diesem Anspruch auch in Zukunft gerecht zu werden, legen wir nicht nur Wert auf Aroma und Geschmack. Wir setzen uns zugleich dafür ein, die Voraus­set­zungen für den Anbau hochwer­tiger Kaffees zu erhalten und stetig weiter zu verbessern. Wir engagieren uns vor Ort in unseren Liefer­ketten, indem wir mit Kaffee­farmern und Standard­or­ga­ni­sa­tionen zusam­men­ar­beiten und nachhaltige Anbau­me­thoden fördern. Zudem bringen wir unser Know-how in inter­na­tionale Initia­tiven ein, um eine nachhaltige Entwicklung des Kaffee­sektors voran­zu­treiben: Syste­mi­schen Heraus­for­de­rungen können wir nur gemeinsam mit allen Akteuren des Sektors wirkungsvoll begegnen.

Auf dem Weg zu einer 100 % nachhal­tigen Geschäftstä­tigkeit arbeiten wir daran, mittel­fristig ausschließlich Kaffees anzubieten, deren Anbau gleicher­maßen ökolo­gische, soziale und ökono­mische Anfor­de­rungen erfüllt. Dabei leisten wir einen Beitrag zur dauer­haften Existenz­si­cherung der Kaffee­farmer und ihrer Familien – und sichern damit auf lange Sicht auch die Verfüg­barkeit der von uns benötigten Rohkaf­fee­qua­li­täten und die Zukunfts­fä­higkeit unseres Geschäfts. Mit einem ganzheit­lichen Konzept setzen wir uns für die nachhaltige Entwicklung der Kaffee­lie­fer­kette und der gesamten Kaffee­branche ein. Dabei rückt auch die Herstellung von mehr Trans­parenz in den weltweiten Liefer­ketten immer mehr in den Vorder­grund.

Heraus­for­de­rungen in der Liefer­kette

Unsere Arabica- und Robusta-Kaffees gedeihen im sogenannten Kaffee­gürtel entlang des Äquators in Süd- und Mittelamerika, Afrika und Asien. Die Anbau­ge­biete liegen überwiegend in Entwick­lungs- und Schwel­len­ländern. Der Großteil der Produ­zenten sind Klein­farmer, die in der Regel über weniger als zwei Hektar Anbau­fläche verfügen.

Aufgrund der klein­tei­ligen Liefer­kette im Ursprung ist es eine große Heraus­for­derung, Trans­parenz von der Tasse bis zum Ursprung herzu­stellen und bessere Bedin­gungen vor Ort zu fördern. Die Zusam­men­arbeit mit verläss­lichen Partnern in den Anbau­ländern und unseren Liefer­ketten ist für uns deshalb unver­zichtbar. So pflegen wir vertrau­ens­volle und langjährige Liefe­ran­ten­be­zie­hungen zu Expor­teuren und Händlern aus den Anbau­ländern, aber auch zu Koope­ra­tiven und einzelnen Farmern, den sogenannten Estates. Durch unsere Nachfrage nach nachhaltig angebauten Kaffee­qua­li­täten und durch unser Engagement vor Ort können wir Einfluss auf die Anbau­me­thoden und Rahmen­be­din­gungen im Kaffee­anbau nehmen, beispiels­weise indem die Umwelt durch gerin­geren Einsatz von Pflan­zen­schutz­mitteln und einen effizi­en­teren Umgang mit Wasser geschützt wird.

Heraus­for­de­rungen im Kaffee­anbau

Etwa zwei Drittel der 25 Millionen Kaffee­farmer weltweit sind Klein­bauern, die nur über ein bis zwei Hektar Land verfügen und deren Ressourcen ebenso begrenzt sind wie ihr Zugang zu Techno­logie, finan­zi­ellen Mitteln und Bildung. Oftmals sind Kennt­nisse über schonende und effiziente Anbau­weisen nicht vorhanden. Diese Situation führt mittel­fristig zu sinkenden Erträgen, gerin­gerer Qualität und zuneh­mender Umwelt­ver­schmutzung durch unange­passte Anbau­me­thoden wie zum Beispiel Überdüngung und Einsatz von Pesti­ziden. Zusätzlich bedrohen die Auswir­kungen des Klima­wandels die Zukunfts­fä­higkeit des Kaffee­anbaus, denn die Farmer wissen oftmals nicht, wie sie auf die sich verän­dernden Wetter­be­din­gungen reagieren sollen.

Ist das Land erst einmal in Teilen unfruchtbar, reduziert sich der Ertrag pro Hektar und die Produk­ti­ons­kosten steigen, sodass der Kaffee­anbau unwirt­schaftlich wird und die Farmer nicht mehr vom Kaffee­anbau allein leben können. Die Folge: Sie geben den Kaffee­anbau auf und suchen nach alter­na­tiven Einnah­me­quellen. Vor allem junge Farmer und Farmer­frauen steigen aus dem Kaffee­anbau aus bezie­hungs­weise ziehen ihn gar nicht mehr als Erwerbs­quelle in Betracht. Hinzu kommen die wirtschaftlich schwie­rigen Rahmen­be­din­gungen, wie beispiels­weise starke Preis­schwan­kungen auf den inter­na­tio­nalen Märkten, gegen die sich die Farmer nur selten absichern können. Diese resul­tieren häufig in schlechten nicht den ILO-Kernar­beits­normen entspre­chenden Arbeits­be­din­gungen auf den Farmen.

Ein 100 % nachhal­tiges Kaffee­sor­timent lässt sich demnach nur über den Zugang zu den Klein­farmern erreichen. Sie müssen befähigt werden, den Ertrag auf nachhaltige Weise zu steigern, sodass das Land wieder fruchtbar wird und fruchtbar bleibt. Sie benötigen eine Grundlage, um in nachhal­tigere Anbau- und Produk­ti­ons­formen zu inves­tieren, die die Umwelt schonen und soziale Kriterien berück­sich­tigen. Die Einbindung der Klein­farmer ist deshalb eine wichtige Säule unseres strate­gi­schen Ansatzes und erfordert Engagement sowohl auf der opera­tiven als auch auf der überge­ord­neten Ebene.

Weiter­ent­wicklung des strate­gi­schen Ansatzes

Seit 2006 engagieren wir uns für eine nachhaltige Entwicklung des Kaffee­sektors, um den Heraus­for­de­rungen in der Liefer­kette und in den Anbau­ge­bieten zu begegnen. In den vergan­genen zehn Jahren haben wir viel erreicht. Insbe­sondere durch unsere Maßnahmen in der Liefer­kette konnten wir positive Entwick­lungen anstoßen. Wir haben den Anbau nachhal­tiger Kaffee­qua­li­täten gestärkt und dazu beige­tragen, dass zunehmend mehr nachhaltige Kaffees angeboten und von Konsu­menten nachge­fragt werden – wie zum Beispiel die Absat­z­ent­wicklung von Fairtrade-Kaffee im deutschen Markt zeigt: Der Absatz hat sich seit 2012 fast verdoppelt, 2016 lag er bei rund 17.000 Tonnen.

Wir haben aber auch feststellen müssen, dass wir an die Grenzen unserer Einfluss­mög­lich­keiten als einzelnes Unter­nehmen stoßen. Dazu zählen syste­mische Heraus­for­de­rungen am Ursprung, wie Kinder­arbeit auf den Farmen und die mangelnde Trans­parenz in den Liefer­ketten. Um konkret zu ermitteln, wie wir diesen Heraus­for­de­rungen noch gezielter begegnen können, haben wir unseren bishe­rigen strate­gi­schen Ansatz für nachhal­tigen Rohkaffee 2016 unter Einbe­ziehung wesent­licher Stake­holder umfassend bewertet. Die Ergeb­nisse helfen uns, die Strategie gezielt weiter­zu­ent­wi­ckeln.

Wir haben unsere wesent­lichen Stake­holder zu aktuellen Heraus­for­de­rungen befragt, darunter die inter­na­tio­nalen Standard­or­ga­ni­sa­tionen Fairtrade, Rainforest Alliance und UTZ, Kaffee­farmer in Brasilien sowie unsere Liefe­ranten. Es erfolgten vertie­fende Analysen zu diesen Heraus­for­de­rungen sowie zu beste­henden Ansätzen im Austausch mit der Hanns R. Neumann Stiftung und weiteren relevanten Stake­holdern in Brasilien, einem der Haupt­an­bau­länder für Kaffee. Dabei haben wir globale Trends, die steigende Dynamik im Kaffee­sektor und die Erwar­tungen der Verbraucher an Geschmack und Nachhal­tigkeit in den Blick genommen. Ergänzend dazu starteten wir mit der Evalu­ierung unserer Tchibo Joint Forces!®-Projekte. Darüber hinaus haben wir uns als Mitglied des Steue­rungs­ko­mitees der inter­na­tional agierenden Global Coffee Platform (GCP) in die Erarbeitung eines neuen Zielbilds für den Sektor einge­bracht, die Vision 2030. Die GCP und die Vision 2030 markieren einen neuen entschei­denden Entwick­lungs­schritt auf Sektorebene hin zu mehr Nachhal­tigkeit. Dabei werden auch die Anfor­de­rungen zur Erfüllung ausge­wählter Ziele der Sustainable Development Goals (SDGs) berück­sichtigt.

Weiter­ent­wicklung des ganzheit­lichen Konzepts

Im Kern haben die Analysen gezeigt, dass wesent­liche Heraus­for­de­rungen – wie zum Beispiel die Ursachen für unzulässige Kinder­arbeit oder der Einsatz verbo­tener Pestizide – syste­misch bedingt sind. Um ihnen wirkungsvoll zu begegnen, ist neben den Aktivi­täten auf der Ebene der Liefer­kette die Adres­sierung der Probleme auf der syste­mi­schen Ebene unter Einbe­ziehung von Regie­rungen und öffent­lichen Anspruchs­gruppen notwendig. Diese Erkenntnis bestärkt uns einer­seits darin, unser Engagement in der Liefer­kette und in inter­na­tio­nalen Koope­ra­tionen fortzu­setzen. Es zeigt uns anderer­seits aber auch, dass es noch weiterer Anstren­gungen bedarf, um langfristig den Kaffee­sektor nachhaltig zu trans­for­mieren. Alle Akteure des Kaffee­sektors müssen sich noch stärker in der Verant­wortung sehen, in ihrer jewei­ligen Rolle den Trans­for­ma­ti­ons­prozess mitzu­ge­stalten, denn es braucht gebün­delte Kräfte, um syste­mische Verän­de­rungen herbei­zu­führen.

Wir wollen diese Kräfte bündeln und haben deshalb unser ganzheit­liches Konzept um eine neue Säule erweitert: das von uns gemeinsam mit der Hanns R. Neumann Stiftung initi­ierte syste­mische Programm „Mainstre­aming Sustainable Coffee Production“. Unser Ziel ist es, alle relevanten Akteure zusam­men­zu­bringen und gemeinsam drängende, regionale Themen zu adres­sieren und zu einer syste­mi­schen Lösung beizu­tragen. Uns ist bewusst, dass ein solcher Prozess Zeit braucht und wir auch gemeinsam keine Wirkung von heute auf morgen erzielen. Deshalb ist unser Programm langfristig angelegt.

Zudem weiten wir unser Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm Tchibo Joint Forces!® von der Ebene des einzelnen Klein­farmers auf die regionale Ebene aus, indem wir uns beispiels­weise auch an Liefe­ranten, Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen oder andere Röster richten und skalierbare Lösungen entwi­ckeln. „Coffee Farming as a viable business“ – dies ist das Kernziel unseres Engage­ments. Durch unsere Maßnahmen wollen wir unter anderem Methoden einer nachhal­tigen Landwirt­schaft vermitteln, lokale Struk­turen durch die Organi­sation von Farmern verbessern und ihnen den Markt­zugang erleichtern. Zerti­fi­zie­rungs­maß­nahmen helfen dabei, Compliance zu gewähr­leisten und die Trans­parenz in der Liefer­kette zu erhöhen.

Liefer­kette und syste­mische Lösungen im Fokus

Im Zuge der Weiter­ent­wicklung unseres ganzheit­lichen Konzepts verfolgen wir fünf aufein­ander abgestimmte strate­gische Ansatz­punkte.

Liefer­kette: Einkauf nachhal­tiger Rohkaf­fee­qua­li­täten
Rund 36 % unserer Rohkaffees beziehen wir von Kaffee­farmen, die nach anerkannten inter­na­tio­nalen Standards (Fairtrade, Rainforest Alliance, UTZ) zerti­fi­ziert oder nach dem Basis­standard 4C validiert sind. Weitere 50 % sollen künftig über den syste­mi­schen Sekto­ransatz „Maintre­aming Sustainable Coffee Production“ abgedeckt werden.
Liefer­kette: Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm Tchibo Joint Forces!®
Wir unter­stützen Klein­farmer und deren Familien mit unserem Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm Tchibo Joint Forces!®, das wir künftig stärker auf die regionale Ebene ausweiten, um die Struk­turen vor Ort nachhaltig weiter­zu­ent­wi­ckeln. Die Kaffee­farmer und ihre Familien sollen befähigt werden, durch einen nachhal­tigen und profi­tablen Kaffee­anbau ihre Lebens­be­din­gungen zu verbessern. Hierbei beziehen wir immer mehr auch die Frauen, Kinder und Gemeinden mit ein.
Syste­mi­scher Ansatz: "Mainstre­aming Sustainable Coffee Production"
Mit der von uns und der Hanns R. Neumann Stiftung initi­ierten Multi-Stake­holder-Initiative „Mainstre­aming Sustainable Coffee Production“ gehen wir struk­turell und syste­misch bedingte Heraus­for­de­rungen an – gemeinsam mit wesent­lichen Akteuren der Branche. Zusammen wollen wir mehr Trans­parenz schaffen und für möglichst alle Farmer – also sekto­renweit – Nachhal­tigkeit erreichen, die gemeinsam fest geregelte Bedarfe abdeckt und Compliance sicher­stellt. Dafür verlagern wir unseren Fokus von der Steigerung des 4C-validierten Rohkaffees hin zu unserem neuen syste­mi­schen Ansatz.
Branchen­über­grei­fende Koope­ra­tionen und Allianzen
Wir engagieren uns in branchen­über­grei­fenden Koope­ra­tionen und Allianzen. Besondere Bedeutung haben für uns dabei die für den Kaffee­sektor inter­na­tional agierende Global Coffee Platform (GCP) und deren Vision 2030 sowie die Inter­na­tional Coffee Partners (ICP).
Bildungs­pro­jekte im Ursprung
Wir fördern Bildungs­pro­jekte „Hilfe zur Selbst­hilfe“ im Kaffeeur­sprung. Damit wollen wir gesell­schaft­liche Struk­turen vor Ort verbessern, Alter­na­tiven zu unzuläs­siger Kinder­arbeit schaffen und Quellen für zusätz­liche Einkommen erschließen.

Regel­mäßige Evalu­ierung der Maßnahmen

Teil unseres Nachhal­tig­keits­kon­zeptes ist es, sowohl unseren Manage­men­t­ansatz für die Liefer­kette als auch unseren syste­mi­schen Ansatz regel­mäßig auf ihre Wirksamkeit hin zu evalu­ieren.

Für den Manage­men­t­ansatz der Liefer­kette entwi­ckeln wir derzeit ein Konzept, mit der die positive Wirkung unserer Maßnahmen für die Kaffee­farmer erfasst und bewertet werden soll, um so notwendige Anpas­sungen vornehmen zu können. Ziel ist es, bereits beim Projekt­design innovative Formen der Evaluation anzuwenden. Dies ermög­licht auch, Heraus­for­de­rungen zu identi­fi­zieren und mögliche Lösungs­an­sätze unter Einbe­ziehung der Farmer und Projekt­be­tei­ligten zu erarbeiten.

Für die Evalu­ierung des syste­mi­schen Ansatzes arbeitet der gesamte Kaffee­sektor derzeit an Indika­toren, die die Effek­ti­vität der Inter­ven­tionen belegen sollen. Die Global Coffee Platform hat ihre Mitglieder dazu verpflichtet, nach diesen Indika­toren zu berichten. Die Entwicklung der ersten Indika­toren soll im Laufe des Jahres 2017 abgeschlossen werden.