NACHHALTIGKEITSBERICHT2017

Ganzheit­liches Liefe­ran­ten­ma­na­gement

GRI 407-1; 408-1; 413-1; 414-1

Die Auswahl der Produk­ti­ons­länder und -stätten für die Herstellung unserer Gebrauchs­ar­tikel erfolgt nach den Vorgaben unseres strate­gi­schen Risiko­ma­na­ge­ments: Wir verteilen die Herstellung von für Tchibo besonders relevanten Waren­gruppen – wenn möglich – auf mindestens zwei Produk­ti­ons­länder, um die Beschaffung dieser Waren sicher­zu­stellen. Die Fabriken wählen wir sorgfältig nach strengen Richt­linien aus, um zu gewähr­leisten, dass sie unseren Qualitäts- und Nachhal­tig­keits­an­for­de­rungen gerecht werden. Dabei sehen wir in langfris­tigen Liefer­be­zie­hungen mit strate­gi­schen Partnern den entschei­denden Hebel. Deshalb haben wir die Zahl der Produ­zenten 2017 sozial­ver­träglich weiter auf rund 600 reduziert und mit den Liefe­ranten dieser wichtigsten Produ­zenten weiterhin intensiv zusam­men­ge­ar­beitet. Im Rahmen dieser risikomi­nimie­renden Einkaufss­tra­tegie gibt es für drei Einkaufs­länder Beson­der­heiten:

  • Bangla­desch: Bangla­desch gehört inter­na­tional seit Jahren zu den wachsenden Märkten für den Einkauf von Bekleidung. In direkter Einkaufs­be­ziehung, das heißt ohne Zwischen­händler, arbeiten wir dort mit wenigen, ausge­wählten Produ­zenten zusammen. Dazu zählen zum einen langjährige Partner, zum anderen neu eröffnete, moderne Fabriken, die unseren strengen Qualitäts- und Nachhal­tig­keits­an­for­de­rungen entsprechen. Wir wickeln den Einkauf in Bangla­desch seit 2012 über ein eigenes Büro in Dhaka ab. Das erleichtert die Steuerung der Produk­ti­ons­stätten erheblich.

  • Äthiopien: Seit vielen Jahren ist das türkische Tradi­ti­ons­unter­nehmen Ayka Textile bereits unser Lieferant. Seit 2010 verfügt ­Ayka­ auch in Äthiopien über eine Produk­ti­onsstätte für Textilien, aus der wir Produkte beziehen. In Äthiopien produ­ziert ­Ayka vollstufig, d. h., es sind alle Produk­ti­onsschritte­ von der Verar­beitung der Baumwolle in der Spinnerei bis zum fertigen Produkt in einer großen, modernen Fabrik konzen­triert. Wir engagieren uns seit 2011 vor Ort, insbe­sondere ­mit unserem WE Programm, und werden dieses Engagement auch 2018 ­fortsetzen.

  • Myanmar: Da rund 50 % unseres Gebrauchs­ar­ti­kel­sor­ti­ments in China produ­ziert wird, arbeiten wir auch dort mit langjäh­rigen Partnern zusammen. Um konkur­renz­fähig zu bleiben, inves­tieren chine­sische Unter­nehmen zunehmend in die Beklei­dungs­in­dustrie in anderen asiati­schen Ländern, wie zum Beispiel in Myanmar. Dortige Produk­ti­ons­stätten akzep­tieren wir nur, wenn unsere Liefe­ranten nachweisen können, dass sie unsere strengen Vorgaben für Qualität, Umwelt- und Sozial­ver­träg­lichkeit erfüllen.

Achtung der Menschen­rechte in der Liefer­kette sicher­stellen

2011 haben die Vereinten Nationen die Leitprin­zipien für Wirtschaft und Menschen­rechte verab­schiedet. Sie beruhen auf beste­henden Menschen­rechts­ver­pflich­tungen wie der Inter­na­tio­nalen Menschen­recht­scharta oder den ILO-Kernar­beits­normen. Als inter­na­tio­nales Rahmenwerk formu­lieren sie Anfor­de­rungen an Politik und Wirtschaft und bilden damit erstmals einen allgemein anerkannten Referenz­rahmen, der auch die Unter­nehmen in die Pflicht nimmt, in globalen Liefer- und Wertschöp­fungs­ketten Menschen­rechte zu respek­tieren und Menschen­rechts­ver­let­zungen vorzu­beugen. Zur Umsetzung der UN-Leitprin­zipien für Wirtschaft und Menschen­rechte wurde Ende 2016 der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschen­rechte (NAP) verab­schiedet. Darin hat die Bundes­re­gierung erstmals die Verant­wortung von deutschen Unter­nehmen für die Achtung der Menschen­rechte in einem festen Rahmen verankert.

Wir sind uns dieser unter­neh­me­ri­schen Verant­wortung bewusst und haben menschen­recht­liche Sorgfalt bereits vor vielen Jahren in unsere Geschäftsprak­tiken integriert. Wir folgen dabei der Leitlinie, Menschen­rechte zu achten und Menschen­rechts­ver­let­zungen vorzu­beugen – vom Rohstoff bis zum Produkt und über die Einhaltung der natio­nalen Gesetze hinaus. Wir setzen uns dafür ein, dass Beschäf­tigte in den Liefer­ketten ihre Rechte geltend machen können.

Als verant­wor­tungsvoll handelndes Unter­nehmen führen wir konti­nu­ierlich Risiko­ana­lysen zu aktuellen Menschen­rechts­themen durch. So haben wir mit weiteren Herstellern im Februar 2017 die Teilnahme am inter­na­tio­nalen Beklei­dungs­gipfel in Dhaka aufgrund des repres­siven Vorgehens der bangla­de­schi­schen Regierung gegen Arbeit­nehmer und Gewerk­schafts­führer aus Protest abgesagt. Im Dezember 2017 haben wir die myanma­rische Regierung in einem gemeinsam mit anderen führenden Marken und Gewerk­schaften verfassten Brief aufge­fordert, die Rechte der ethni­schen Minderheit der Rohingya anzuer­kennen.

Ein zentraler Baustein zur Verbes­serung der Arbeits­be­din­gungen an Produk­ti­ons­stand­orten ist unser Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm WE (Worldwide Enhan­cement of Social­ Quality), mit dem wir bereits seit 2007 durch ein dialog­ba­siertes Training 364 Produ­zenten bei der Umsetzung und Verbes­serung von Arbeits- und Sozial­stan­dards unter­stützen. Ein weiterer wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die Unter­zeichnung der Rahmen­ver­ein­barung mit der inter­na­tio­nalen Dachge­werk­schaft Indus­triALL Global Union im September 2016. Ziel dieser Verein­barung ist es, Arbeits­be­din­gungen in den asiati­schen Produk­ti­ons­stätten, aus denen Tchibo Produkte bezieht, weiter zu verbessern. Hierzu gehört insbe­sondere das Recht der Beschäf­tigten, sich gewerk­schaftlich zu organi­sieren und Tarif­ver­hand­lungen zu führen. In enger Absprache mit Indus­triALL Global Union haben wir 2017 mit der Umsetzung in den Schwer­punkt­ländern Äthiopien, Bangla­desch, Myanmar und der Türkei begonnen.

Trans­parenz in der Liefer­kette schaffen

Eine wesent­liche Voraus­setzung, um Liefer­ketten nachhaltig zu gestalten, ist Trans­parenz. Doch Liefer­ketten sind komplex, wie die Liefer­kette Baumwoll­tex­tilien beispielhaft zeigt: Vom Baumwol­lanbau über die Ernte und den Transport des Rohstoffs bis zum fertigen Kleidungs­stück sind viele Schritte (Vorstufen) wie das Spinnen, Weben, Wirken, Stricken, Färben, Waschen, Konfek­tio­nieren und Verpacken erfor­derlich, die häufig von verschie­denen Zulie­ferern in verschie­denen Ländern durch­ge­führt werden. Hinzu kommen die Liefe­ranten von „Zutaten“ wie Knöpfen, Reißver­schlüssen und Appli­ka­tionen. Diese verschie­denen Stufen der Wertschöpfung zu kennen, ist eine Heraus­for­derung, der wir uns gemeinsam mit unseren Liefe­ranten stellen, denn die Durch­setzung von Arbeits-, Sozial- und Umwelt­stan­dards betrifft die komplette Liefer­kette aller Produkte, nicht nur den letzten Ferti­gungs­schritt. Unser Konzept der Konzen­tration auf weniger Produ­zenten und deren Entwicklung zu strate­gi­schen Liefe­ranten erleichtert diese Aufgabe ganz erheblich.

Für mehr öffent­liche Trans­parenz in globalen Liefer­ketten haben wir Anfang 2017 unsere Produ­zen­ten­liste für Heimtex­tilien, Bekleidung und Schuhe veröf­fent­licht und Anfang 2018 aktua­li­siert. Immer mehr Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und Verbraucher wollen wissen, woher die Produkte kommen und unter welchen Bedin­gungen sie gefertigt werden. Diesem Infor­ma­ti­ons­be­dürfnis wollen wir gerecht werden. Gleich­zeitig ist es uns aber wichtig, die Erwar­tungen an Trans­parenz zu begrenzen, denn Trans­parenz ist das eine, Verän­de­rungen sind das andere. Nicht überall, wo mehr Trans­parenz entsteht, gehen damit Verbes­se­rungen einher. Dies gilt insbe­sondere für Produk­ti­ons­schritte, die tief in der Liefer­kette liegen, etwa auf Tier-3 oder Tier-4. Weshalb wir Trans­parenz in Form von Tracea­bility bislang kritisch betrachten, liegt auch daran, dass damit ein erheb­licher manueller Aufwand bei der Datener­hebung verbunden ist. Das verschlingt Kapazi­täten, die wir lieber in Verän­de­rungs­pro­gramme inves­tieren würden. Zudem wissen wir seit längerem, dass viele Probleme so komplex sind, dass sie in Koope­ra­tionen bearbeitet werden müssen. Der Fokus auf Einzel­lie­fer­ket­ten­an­sätzen, getrieben durch die Tracea­bility-Forde­rungen, birgt die Gefahr, dass Zeit und Energie nicht in Verän­de­rungs­maß­nahmen fließen können. Zudem ist dieser Schritt auch mit Risiken für unser Geschäft verbunden, denn mit Veröf­fent­li­chung der Produ­zen­ten­listen haben nun auch alle Wettbe­werber Trans­parenz bezüglich der von uns quali­fi­zierten Produk­ti­ons­stätten – also auch dieje­nigen, die sich gegen eine Veröf­fent­li­chung ihrer eigenen Produ­zen­ten­listen entscheiden. Das birgt die Gefahr des Verlustes von Liefer­ka­pa­zi­täten für unsere eigenen Bedarfe. Doch wir vertrauen auf das Prinzip der Fairness im Wettbewerb und bewerten das gesell­schaft­liche Interesse an Trans­parenz in globalen Liefer­ketten höher als eine mögliche Gefährdung unserer Indivi­dual­in­ter­essen.

Auch die Trans­parenz von Nassbe­trieben – also Vorlie­fe­ranten, bei denen Wasser und Chemi­kalien in großem Umfang einge­setzt werden – hat Tchibo 2017 weiter erhöht. Seit der Integration einer entspre­chenden Abfrage in unsere Standard­pro­zesse haben wir für rund 90 % der platzierten Textil­pro­dukte Infor­ma­tionen über die relevanten Vorstufen erhalten. Insgesamt wurden 166 Nassbe­triebe identi­fi­ziert, in denen wasser­ba­sierte Verfahren wie Färbung oder Ausrüstung durch­ge­führt werden.

Liefe­ran­ten­qua­li­fi­zierung: im Dialog Vertrauen aufbauen und Bedin­gungen verbessern

Um eine langfristige Verbes­serung von Arbeits­be­din­gungen in den Produk­ti­ons­stätten zu erreichen und die Achtung der Menschen­rechte sicher­zu­stellen – insbe­sondere in Asien –, setzt Tchibo seit 2007 auf das Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm WE. Das gemeinsam mit der Deutschen Gesell­schaft für Inter­na­tionale Zusam­men­arbeit (GIZ) und dem Bundes­mi­nis­terium für wirtschaft­liche Zusam­men­arbeit und Entwicklung (BMZ) konzi­pierte Dialog­pro­gramm unter­stützt die Produ­zenten vor Ort dabei, Menschen­rechte in ihren Betrieben einzu­halten und Arbeits­be­din­gungen schritt­weise zu verbessern. Durch Dialog und Trainings versetzen wir Manager und Beschäf­tigte in den Produk­ti­ons­stätten sowie ihre Vertreter in die Lage, wechsel­sei­tiges Vertrauen aufzu­bauen und zu bewahren; moderiert von dafür ausge­bil­deten ­Dialog­fa­ci­li­tator­en entwi­ckeln sie eigen­ständig Lösungen. Tchibo Mitar­beiter sind integraler Bestandteil dieses Dialogs. Ein Ansatz, der Wirkung zeigt: Durch WE konnten Gesund­heits- und Arbeits­schutz optimiert, Löhne erhöht und Sozial­leis­tungen wie Unter­künfte, Kanti­nen­essen und Möglich­keiten zur Freizeit­ge­staltung verbessert werden. Bis Ende 2017 haben 364 Produ­zenten aus elf ­Ländern (Äthiopien, Bangla­desch, China, Indien, Kambo­dscha, Laos, Myanmar, Pakistan, Thailand, Türkei und Vietnam) an Aktivi­täten im Rahmen von WE teilge­nommen bzw. das Programm abgeschlossen. Damit haben wir bislang rund 360.000­ Menschen in Produk­ti­ons­stätten erreicht – Manager ebenso wie Beschäf­tigte.

2015 haben wir begonnen, das WE Programm auf Basis einer Projek­te­va­lu­ierung und unserer langjäh­rigen Erfah­rungen weiter­zu­ent­wi­ckeln. Zum einen geht es darum, das Programm noch indivi­du­eller auf die jewei­ligen Produk­ti­ons­länder zuzuschneiden und seine Effizienz zu erhöhen. Zum anderen fokus­sieren wir WE im Sinne der sozialen Nachhal­tigkeit noch stärker auf das Thema Menschen­rechte nach den ILO-Kernar­beits­normen. Die Schulung auch zu ökolo­gi­schen Standards lösen wir aus dem WE Programm heraus und verlagern sie in eigen­ständige Programme und Projekte im Rahmen unseres Detox Commit­ments. So können wir die Themen schärfer vonein­ander abgrenzen und die Wirksamkeit der Maßnahmen erhöhen, da beide Themen­kom­plexe unter­schied­liche Imple­men­tie­rungs­an­sätze erfordern.

Fünf Schwer­punkt­themen bilden den Kern des Programms: Verhin­derung moderner Formen der Sklaverei, Arbeits­si­cherheit und Gesund­heits­schutz, existenz­si­chernde Löhne und angemessene Arbeits­zeiten, Gewerk­schafts- und Tarif­ver­hand­lungs­freiheit sowie Schutz vor Diskri­mi­nierung und sexuellen Übergriffen. Grund­lagen für Aktivi­täten und Maßnahmen im Rahmen dieser Schwer­punkt­themen bilden inter­na­tionale und nationale Standards, Richt­linien und Gesetze. Zwischen den Schwer­punkt­themen entscheiden die Beschäf­tigten und Manager der Produk­ti­ons­stätten und die lokalen Dialog­fa­ci­li­ta­toren eigen­ständig, welche der Themen sie aufgrund der indivi­du­ellen Situation vorrangig angehen.

Im Rahmen der Konferenz der Fair Wear Foundation (FWF) im November 2017 wurde das Projekt „Gemeinsam stark“, das wir in Koope­ration mit hessnatur durch­ge­führt haben, beim Best Practice Award 2017 mit dem dritten Platz ausge­zeichnet. Im Zusam­menschluss mit hessnatur konnten wir die Arbeits­be­din­gungen in einem Zulie­fer­be­trieb durch inten­sives Training nachhaltig verbessern und das zerstörte Vertrauen zwischen Gewerk­schaft und Leitung wieder­her­stellen.

Case Study Ayka Textile

In Äthiopien arbeiten wir mit dem türki­schen Textil­un­ter­nehmen Ayka Textile zusammen, das 2010 eine Fabrik für Bekleidung und Textilien in Addis Abeba eröffnet hat. Bei ­Ayka­ Textile in Äthiopien finden alle Produk­ti­ons­schritte von der Verar­beitung der Baumwolle in der Spinnerei bis zum fertigen Produkt unter einem Dach statt. Rund 6.000­ Mitar­beiter arbeiten am Standort Addis Abeba. Bereits seit 2011 engagieren wir uns hier mit dem WE Programm (Worldwide Enhan­cement of ­Social­ Quality) und haben seitdem viel erreicht: Die Kommu­ni­kation und die Arbeit­sat­mo­sphäre haben sich deutlich verbessert, ein Lohngrup­pen­system wurde aufgebaut, Mitbe­stim­mungs­struk­turen ­wurden einge­führt und werden prakti­ziert, es besteht ein Vertrauens- und konstruk­tives Arbeits­ver­hältnis mit der örtlichen Gewerk­schaft. Diskri­mi­nie­rungs­fälle haben signi­fikant abgenommen, Maßnahmen zur Arbeits­si­cherheit und im Gesund­heits­schutz wurden einge­führt und die Sozial­leis­tungen für alle Mitar­beiter verbessert. 

Im Herbst 2017 standen wir schließlich vor einer großen Heraus­for­derung: Aufgrund eines natio­nalen Ausnah­me­zu­standes im vierten Quartal 2016 war eine gesicherte Produktion in Äthiopien kaum mehr möglich und es kam zu hohen Produk­ti­ons­aus­fällen. Gemeinsam mit Ayka-Chef Yusuf Aydeniz haben wir im Dezember 2017 damit begonnen, die Struk­turen und Prozesse bei Ayka so weiter­zu­ent­wi­ckeln, dass wieder Stabi­lität einkehren kann. So fand bereits ein erster Workshop zur Umstruk­tu­rierung des Produk­ti­ons­pro­zesses statt. Ziel ist es, neben der Lieferzeit auch die Produkt­qua­lität weiter zu verbessern. Auch die Weiter­ent­wicklung des hohen Sozial­stan­dards und die Integration nachhal­tiger lokaler Baumwolle in die Liefer­kette sind Bestandteil der zukünf­tigen Aktivi­täten. Bei der Umsetzung arbeiten wir mit der äthio­pi­schen Regierung und anderen Stake­holdern zusammen. Die Entwicklung eines nachhal­tigen Baumwoll­sektors in Äthiopien ist auch Teil einer 15-Jahres-Strategie der äthio­pi­schen Regierung.

Risiken vorbeugen, Produ­zenten prüfen

Die Wertschöp­fungs­kette eines Gebrauchs­ar­tikels umfasst in der Regel viele Stationen weltweit. In dieser globalen Kette können wir als Handels­un­ter­nehmen Verstöße nicht ausschließen. Aber wir können sie identi­fi­zieren und syste­ma­tisch daran arbeiten, sie zu minimieren. Dafür haben wir ein Risiko­ma­na­gement entlang der Wertschöp­fungs­ketten entwi­ckelt, wie es auch die Leitprin­zipien für Wirtschaft und Menschen­rechte der Vereinten Nationen vorsehen.

Grundlage für die Zusam­men­arbeit mit unseren Liefe­ranten bildet der Tchibo Social and Environ­mental Code of Conduct (SCoC), den wir im Mai 2017 weiter­ent­wi­ckelt haben. Die Anfor­de­rungen des ­SCoC­ überprüfen wir bei neuen Liefe­ranten und Produ­zenten immer vor Auftrags­vergabe. Nur wenn die Fabriken die Audits bestehen, nehmen wir sie in unser Produ­zen­tenport­folio auf. Auf überge­ord­neter Ebene analy­sieren wir zudem die Lage und die Risiken in den Ländern, in denen wir produ­zieren lassen oder produ­zieren lassen möchten. Außerdem priori­sieren wir die Fabriken hinsichtlich der Einhaltung von Menschen­rechten und der Dialog­kultur zwischen Managern und Beschäf­tigten. Die Ergeb­nisse dieser Analysen fließen in die Einkaufss­tra­tegie ein.

Liefe­ranten, die bisher noch nicht am WE Programm teilnehmen konnten, prüfen wir im Rahmen der vorge­ge­benen Fristen alle drei Jahre durch ein Audit, das wir entweder selbst durch­führen oder durch externe Dienst­leister durch­führen lassen. Auch unsere Monitoring-Syste­matik entwi­ckeln wir konti­nu­ierlich weiter. So haben wir im Jahr 2017 beispiel­weise begonnen, auch Gerbe­reien sukzessive zu auditieren.

Langfristige Partner­schaften mit Liefe­ranten und Produ­zenten sehen wir als Chance, die Bedin­gungen in der Liefer­kette nachhaltig zu verbessern. 2017 haben wir uns darauf konzen­triert, unser bishe­riges Key-Supplier-Programm weiter­zu­ent­wi­ckeln. Wir werden unseren Partnern eine größere Planungs­si­cherheit geben und setzen auf stärkeres Commitment bei der Einhaltung und Verbes­serung von Sozial- und Umwelt­stan­dards.

Beschwer­de­me­cha­nismen etablieren 

Ein Beschwer­de­me­cha­nismus ermög­licht Betrof­fenen von Verstößen gegen Arbeits- und Umwelt­stan­dards, ihr Problem an eine andere Stelle als ihren Arbeit­geber formu­lieren zu können. Wenn Vertrauen zum Arbeit­geber oder natio­nalen Beschwer­de­stellen fehlt oder ernst­hafte Konse­quenzen drohen, können sie sich an Auftrag­geber der Produk­ti­ons­stätte oder unabhängige Organi­sa­tionen wenden. In der Folge können sich diese – idealer­weise in Zusam­men­arbeit mit dem Beschwer­de­führer – um gemeinsame Lösungen bemühen und Zugang zu Abhilfe schaffen.

Ein solcher Beschwer­de­me­cha­nismus allein kann jedoch nicht die alleinige Heran­ge­hens­weise an Probleme in Fabriken sein. Zum einen setzt er Ressourcen voraus, die Betroffene trotz vieler Maßnahmen nicht unbedingt besitzen: das Wissen, dass ein unabhän­giger Beschwer­de­kanal existiert und den Zugang zu ihm, sowie die Sprache und Kapazi­täten um eine Beschwerde zu formu­lieren. Gerade für indivi­duelle Betroffene von Verstößen entstehen so Hürden, die sie ohne Vertrauen und Unter­stützung anderer nur schwer überwinden können. Zum anderen trägt ein solcher Mecha­nismus nicht zur langfris­tigen Verbes­serung bei, da er nur nachträglich, teils sogar lange nach dem Vorfall, eingreift. Ursäch­liche Struk­turen am Arbeits­platz, die Arbeits­rechts­ver­let­zungen begüns­tigen, werden so nur selten verändert.

Der Schlüssel zur Verän­derung ist Vertrauen und Dialog vor Ort. So können Betroffene und Verur­sacher die Probleme gemeinsam identi­fi­zieren, lösen und verhindern. Arbeit­neh­mer­ver­tre­tungen geben Sicherheit beim Einbringen von Beschwerden gegenüber Vorge­setzten und sind zugleich wichtige Partner, um Arbeitsplätze und -prozesse im Dialog zu verbessern.

Neben dem SCoC, der Bestandteil aller Einkaufs­ver­träge ist und welcher für die Produ­zenten auch die Verpflichtung enthält, Beschwer­de­ver­fahren für Beschäf­tigte bzw. deren Vertreter einzu­richten, setzt Tchibo auf drei verschiedene Ansätze von anonymen Beschwer­de­me­cha­nismen:

  1. Sektor­be­schwer­de­systeme: Mit der inter­na­tio­nalen Dachge­werkschaft ­Indus­triALL­ Global Union setzen wir uns zudem in beson­derem Maße für Gewerk­schafts­freiheit und für das Recht der Beschäf­tigten, sich gewerk­schaftlich zu organi­sieren, ein. Strate­gisch verfolgen wir damit das Ziel, dass Beschäf­tigte vor Ort unabhängige und legitime Arbeit­neh­mer­ver­tre­tungen gründen und von ihrem Recht, sich Gewerk­schaften anzuschließen, Gebrauch machen können. Auf diesem Weg sollen direkt vor Ort Beschwerden gelöst und Verstöße verhindert werden.

    Auch im Rahmen­vertrag mit ­Indus­triALL­ ist ein Prozess beschrieben, nach dem die natio­nalen und lokalen ­Indus­triALL­-Mitglieds­ge­werk­schaften von Tchibo uns über Arbeits­rechts­ver­let­zungen in Produk­ti­ons­stätten infor­mieren. Im ersten Jahr der Rahmen­ver­ein­barung haben wir mit Gewerk­schaften aus Bangla­desch, Kambo­dscha und der Türkei an der Lösung von Vorfällen vor Ort gearbeitet. Um unsere Hebel­wirkung zu erhöhen, arbeiten wir auch mit anderen großen Marken zusammen. Im Rahmen des „Accord on Building and Fire Safety in Bangladesh“ haben wir mit Gewerk­schafts­ver­tretern, Mitgliedern von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und Handels­un­ter­nehmen ein fabri­k­über­grei­fendes Beschwer­de­system aufgebaut. Außerdem werden Gesund­heits- und Sicher­heits­ko­mitees einge­richtet, um Sicher­heits­ri­siken frühzeitig zu melden.

  2. Dialo­g­ori­en­tierte Beschwer­dewege: In unserem dialo­g­ori­en­tierten Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm WE schaffen wir für Beschäf­tigte den vertrau­ens­vollen Raum und die Möglichkeit, Mängel und Wünsche anzusprechen und gemeinsam mit dem Management an Verbes­se­rungen zu arbeiten.

  3. Direkte Beschwer­dewege: Da der Anteil an (gewerk­schaftlich) organi­sierten Produk­ti­ons­stätten in Asien und damit auch unter unseren Zulie­ferern niedrig ist, hat Tchibo Mecha­nismen aufgebaut, mit denen sich Beschäf­tigte bei Arbeits­rechts­ver­letzungen auch direkt an Tchibo wenden können: Da die WE Facili­tator regel­mäßig in den Fabriken vor Ort sind und das nötige Vertrauen zu den Beschäf­tigten aufgebaut haben, sind sie oft erste Kontakt­stelle. Falls sie die Probleme nicht im Rahmen ihrer Aktivi­täten lösen können, binden sie Tchibo ein und wir suchen auch außerhalb des Programmes nach angemes­senen Lösungen.

    Darüber hinaus nehmen wir auch direkt Beschwerden entgegen: Über Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen und über die E-Mail-Adresse social­com­pliance@tchibo.de können Beschwerden direkt an Tchibo adres­siert werden.

Umwelt­aus­wir­kungen in der Produktion reduzieren

Neben der Umsetzung von Arbeits- und Sozial­stan­dards setzen wir uns auch für die Reduktion der Umwelt­aus­wir­kungen bei der Rohstoff­ge­winnung und der Herstellung unserer Gebrauchs­ar­tikel ein. Wir prüfen die Produ­zenten auf die Einhaltung unserer Umwelt­stan­dards und vermitteln ihnen Know-how zum Klima- und Umwelt­schutz. Wesent­licher Baustein unserer Arbeit ist das im Jahr 2014 unter­zeichnete Detox ­Commitment­ gegenüber Green­peace, mit dem wir die Beendigung des Einsatzes unerwünschter Chemi­kalien in der Produktion insbe­sondere bei unseren Textil­lie­fe­ranten bis 2020 angekündigt haben. Zudem engagieren wir uns in branchen­weiten Initia­tiven für die Reduktion des CO₂-Ausstoßes in der Produktion und den Erhalt der Biodi­ver­sität.

Detox Commitment: Minimierung des Chemi­ka­li­enein­satzes im Fokus

Die Umwelt­schutz­or­ga­ni­sation Green­peace hat 2011 ihre Detox­kam­pagne gestartet, um auf den Einsatz gefähr­licher Chemi­kalien in der Textil­pro­duktion aufmerksam zu machen. Mit der Unter­zeichnung und Veröf­fent­li­chung des Detox Commit­ments haben wir uns im Oktober 2014 wie viele andere inter­na­tionale Handels­un­ter­nehmen dazu bekannt, den Einsatz unerwünschter Chemi­kalien in der Produktion insbe­sondere unserer Textil­lie­fe­ranten bis 2020 zu beenden. Nun geht es darum, Schritt für Schritt dieses ambitio­nierte Ziel zu erreichen – eine besondere Heraus­for­derung vor allem aufgrund der weit verzweigten Liefer­ketten.

Grundlage für die Besei­tigung solcher Chemi­kalien aus unseren Liefer­ketten ist die Manufac­turing Restricted ­Substances­ List (MRSL). Diese Liste umfasst gefähr­liche Produk­ti­ons­che­mi­kalien, die priori­siert sind, und eine entspre­chende Zeitachse für deren Elimi­nierung. Tchibo unter­stützt im Rahmen der Mitglied­schaft im Textil­bündnis die MRSL der Initiative Zero Discharge of Hazardous Chemicals (ZDHC) als gemeinsame Minima­lan­for­de­rungen und als Start­punkt der Branche. Tchibo geht jedoch in den eigenen Anfor­de­rungen vielfach darüber hinaus. So galt beispiels­weise schon vor 2016 ein komplettes Verbot aller PFCs (perfluo­rierte Substanzen) für wasser­ab­wei­sende Ausrüs­tungen von Outdoor-Beklei­dungs­tex­tilien. Tchibo setzt statt­dessen PFC-freie Ausrüs­tungen wie ­ecorepel­® ein. Auch gilt ein vollstän­diges Verbot für Flamm­schutz­mittel in der Herstellung der Tchibo Artikel. Diese in der Tchibo MRSL formu­lierten Anfor­de­rungen werden konti­nu­ierlich weiter­ent­wi­ckelt. Zudem wurden 2017 prozess­ba­sierte Einschrän­kungen definiert. Seit der Unter­zeichnung des Detox ­Commit­ments­ hat Tchibo syste­matisch Trans­parenz bezüglich der ­detox­­re­levanten­ Vorstufen in seinen textilen Wertschöp­fungs­ketten geschaffen. Für rund 90 % unserer Aufträge haben wir seit Juni 2017 die vorge­la­gerten, sogenannten Nassbe­triebe identi­fi­ziert. In diesen Nassbe­trieben wurden Abwas­ser­tests durch­ge­führt, um Aufschluss über das Vorkommen von unerwünschten Chemi­ka­li­en­gruppen zu erhalten und daraus prioritäre Handlungs­bedarfe abzuleiten. Die Ergeb­nisse dieser Tests werden auf der Plattform des Institute ­for­ Public and Environ­mental Affairs (IPE) veröf­fent­licht.

Für die Umsetzung der teils komplexen und anspruchs­vollen Anfor­de­rungen bietet Tchibo seinen Liefe­ranten Hilfe­stel­lungen an, die wir 2017 weiter ausgebaut haben. Zur Förderung des Beratungs­an­ge­botes vor Ort haben wir im Rahmen einer strate­gi­schen Allianz mit der REWE Group und der Gesell­schaft für Inter­na­tionale Zusam­men­arbeit (GIZ) ein Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm für chemi­kalien- und abwas­ser­in­tensive Produk­ti­ons­be­reiche entwi­ckelt. Das Projekt läuft drei Jahre und umfasst ein Inves­ti­ti­ons­vo­lumen von 2,4 Millionen Euro. 2017 wurden das Trainings­konzept und die Materialien erstellt und Trainer in Bangla­desch sowie in China ausge­bildet. 20 Produ­zenten mit Nasspro­zessen haben an dem Kick-off-Workshop zur Imple­men­tierung teilge­nommen. Bis 2020 sollen 110 Produ­zenten in Bangla­desch und China trainiert werden. Erkennt­nisse aus indivi­du­ellen Fabrik­be­suchen und Trainings, die Tchibo 2017 durch­ge­führt hat, sind in die Erarbeitung des Programms der strate­gi­schen Allianz einge­flossen. 

Langfris­tiges Ziel ist die Etablierung eines Trainings- und Beratungs­netz­werks, das allen Unter­nehmen der Region zur Verfügung steht.

Dieses Ziel und weitere komplexere Problem­stel­lungen, die sich aus dem Commitment ergeben, lassen sich jedoch nicht von einzelnen Akteuren oder Akteurs­gruppen allein lösen. Deshalb engagieren wir uns dafür, anspruchs­volle und wider­spruchs­freie Rahmen­be­din­gungen in der Textil­branche zu schaffen. Dabei entwi­ckeln wir mit weiteren Akteuren des Sektors im Bündnis für nachhaltige Textilien und anderen branchen­über­grei­fenden Initia­tiven und Koope­ra­tionen Lösungen zur Umsetzung der ambitio­nierten Detox­ziele. Im Rahmen eines Forschungs­vor­habens der Hochschule Darmstadt hat Tchibo darüber hinaus im Jahr 2017 Szenarien für eine nachhaltige Chemie 2030 erarbeitet. 

„Tchibo war im Oktober 2014 der erste große Händler, der sich verpflichtete, bis 2020 zu entgiften. Anders als bei anderen Super­markt­ketten gilt dieses Versprechen nicht nur für Kleidung und Schuhe, sondern für das gesamte Non-Food-Sortiment. Die verschie­denen Veröf­fent­li­chungen rund um die Detox­ver­pflichtung zeigen, dass Tchibo sich zum Vorreiter entwi­ckelt hat.“ (Green­peace)

Carbon Perfor­mance ­Impro­vement­ Initiative (CPI2)

2011 haben wir mit acht anderen Unter­nehmen die Carbon Perfor­mance Impro­vement Initiative (CPI₂) gegründet. Über ein Online-Tool gibt sie Produk­ti­ons­stätten konkrete Handlungs­emp­feh­lungen, wie sie den Energie­ver­brauch und damit die Treib­h­aus­ga­se­mis­sionen in der Produktion reduzieren können. Seit 2015 sind auch Module zum Wasser- und Chemi­ka­li­en­ma­na­gement integriert, für die sich 23 Produk­ti­ons­stätten im Jahr 2017 regis­triert haben. 

Biodi­versity in Good Company

Seit 2012 sind wir Mitglied in der branchen­über­grei­fenden Initiative Biodi­versity in Good Company. Mit der Unter­zeichnung der Leadership-Erklärung verpflichten wir uns unter anderem dazu, den Schutz der biolo­gi­schen Vielfalt in unser Umwelt­ma­na­ge­ment­system aufzu­nehmen, konkrete Biodi­ver­si­täts­ziele zu definieren und diese gemeinsam mit unseren Liefe­ranten schritt­weise umzusetzen. 2018 werden wir den nächsten Fortschritts­be­richt veröf­fent­lichen.