NACHHALTIGKEITSBERICHT2017

Nachge­fragt bei Nanda Bergstein

Nanda Bergstein, 38, in München geboren, studierte in Dresden Inter­na­tionale Bezie­hungen und in London "Gender, Development and Globa­li­sation". Sie arbeitete zunächst bei der Hamburger Nachhal­tig­keits­be­ratung Systain. 2007 begann sie bei Tchibo im Bereich Unter­neh­mens­ver­ant­wortung und wechselte drei Jahre später in den Geschäfts­be­reich Non Food, wo sie mit ihrem Team das Non Food-Nachhal­tig­keits­ma­na­gement aufbaute. Sie entwi­ckelte gemeinsam mit der GIZ (Gesell­schaft für Inter­na­tionale Zusam­men­arbeit) das Liefe­ran­ten­qua­li­fi­zie­rungs­pro­gramm WE (Worldwide Enhan­cement of Social Quality) – ein Dialog­pro­gramm, das auf eine Verbes­serung der Lebens­si­tuation der Beschäf­tigten wirkt, und war maßgeblich an den Verhand­lungen des Brand­schutz­ab­kommens für Bangla­desch beteiligt, ebenso wie die globale Initiative ACT on Living Wages. Seit 2018 leitet Nanda Bergstein den Bereich Unter­neh­mens­ver­ant­wortung.

Frau Bergstein, was hat Sie bis heute am meisten nachhaltig beein­druckt und leitet Sie in Ihrer neuen Funktion als Direk­torin Unter­neh­mens­ver­ant­wortung?

Der Mensch. Denn um ihn geht es bei all unseren Bemühungen. Ich versuche, so oft es geht Menschen, die für uns und mit uns arbeiten, zu treffen und in den Dialog zu gehen. Ich will wissen: Was können wir tun, damit ein Leben in Würde möglich ist? Wo sehen wir Verbes­se­rungen?  Insbe­sondere im Ursprung unserer Wertschöp­fungs­ketten fühle ich mich sehr wohl und erlebe, wie stolz die Kaffee­farmer oder auch die Beschäf­tigten in den Fabriken auf das sind, was sie geerntet oder geschaffen haben. Aber ich erlebe auch die Schat­ten­seiten und bin mir bewusst, dass wir als Unter­nehmen und ich in meiner Funktion das Privileg und die Verant­wortung haben, Verän­de­rungen anzustoßen und Verbes­se­rungen zu bewirken. Durch das Unglück Rana Plaza ist auch mir schmerzhaft vor Augen geführt worden, dass wir mehr tun müssen als bisher, selbst wenn Tchibo nicht von dem Unglück betroffen war. Und es geht immer nur im Mitein­ander – das gilt für die Beziehung mit unseren Partnern und Liefe­ranten ebenso wie für die Zusam­men­arbeit im Tchibo Team oder mit unseren Stake­holdern. Das hat auch mit den Werten eines Famili­en­un­ter­nehmens zu tun, die auf den starken Kaufmann­stu­genden Verbind­lichkeit, Fairness und Ehrlichkeit basieren. Und die sind mir sehr wichtig.

Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Themen? Was wird sich ändern müssen?

Wir müssen uns beeilen, denn die Auswir­kungen von Umwelt­ver­schmutzung und Klima­wandel betreffen alle. Schon bei einer Erder­wärmung um 1,5 oder 2 Grad spüren wir die Konse­quenzen. 195 Nationen waren sich einig, dass der Klima­wandel die größte Heraus­for­derung des Jahrhun­derts wird, und haben das Pariser Klima­ab­kommen unter­zeichnet. Aber nun müssen Taten folgen. Bei Tchibo setzen wir bereits seit 2008 Maßnahmen zur trans­port­be­dingten CO2-Reduzierung um und wir werden noch weitere Schritte unter­nehmen. Das gilt auch für die Menschen­rechte. Es darf nicht sein, dass Menschen unter menschenun­wür­digen Bedin­gungen leben und arbeiten. Vor 88 Jahren hat die Inter­na­tional Labour Organi­zation (ILO) die erste Konvention gegen Zwangs­arbeit verab­schiedet - und noch heute sind 20 Millionen Menschen davon betroffen. Wir haben vor zehn Jahren lernen müssen, dass die herkömm­lichen Instru­mente wie Auditie­rungen bei den Produ­zenten unserer Gebrauchs­ar­tikel keine wirkliche Verbes­serung für die Menschen bewirken. Ich bin froh, dass wir 2007 den Mut hatten, gemeinsam mit der GIZ (Gesell­schaft für inter­na­tionale Zusam­men­arbeit) ein dialo­g­ori­en­tiertes Quali­fi­zie­rungs­pro­gramm ins Leben zu rufen – und so gemeinsam mit den Menschen vor Ort für eine Verbes­serung der Lebens- und Arbeits­be­din­gungen sorgen.

Bei einer Mensch­heits­aufgabe von dieser Tragweite darf kein Unter­nehmen wettbe­werb­s­ori­en­tiert oder egois­tisch handeln. Wir müssen unsere Erkennt­nisse und Innova­tionen mitein­ander teilen. Deshalb öffnen wir das WE Programm nun auch für andere Unter­nehmen, denn nur so können wir noch mehr Menschen erreichen.

Tchibo verfolgt das Ziel einer 100 % nachhal­tigen Geschäftstä­tigkeit. Wie und bis wann wollen Sie dieses Ziel erreicht haben?

Wir haben uns 2006 auf den Weg gemacht, um Prozesse und Produkte nachhaltig zu gestalten. Bis heute sind wir gut voran­ge­kommen, aber wir wissen auch, dass 100 % nur schwer zu erreichen sind, denn eine nachhaltige Entwicklung stellt einen funda­men­talen Bruch des Beste­henden dar und wir müssen noch viele Antworten auf ungelöste Fragen finden. Techno­logien verändern sich, wir müssen sie nur gut zu nutzen wissen. Digita­li­sierung, Co-Sharing, Wissen­schaft – all das bietet uns neue Möglich­keiten zur Zusam­men­arbeit und Entwicklung. 100% bedeutet daher nicht Perfektion, sondern steht vielmehr für den Anspruch, unsere Geschäftstä­tigkeit permanent nachhal­tiger zu gestalten und gern gezielt nach Innova­tionen für Durch­brüche zu suchen.

Wie passt das zusammen, Mainstream und Nachhal­tigkeit? Ist das nicht ein Paradox, das sich niemals lösen lässt?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber gerade wir haben die Möglichkeit, besonders viele Menschen zu erreichen und zu einer nachhal­ti­geren Lebens­weise zu ermutigen. Durch die hohen Abnah­me­mengen, beispiels­weise bei der Bio-Baumwolle, können wir durch eine zuneh­mende Nachfrage auch den nachhal­tigen Anbau fördern. Derzeit sind wir dritt­größter Abnehmer von Bio-Baumwolle. Weltweit. Für uns bedeutet nachhal­tiger Konsum aber auch, zunehmend Produkte aus recycelten Materialien anzubieten, denn dadurch werden Ressourcen und Energie gespart und damit auch die Umwelt geschont - wie zum Beispiel unsere Yoga-Kollektion aus recyceltem Polyester. Und: Seit Anfang des Jahres bieten wir als erstes großes Handels­un­ter­nehmen nachhaltig produ­zierte Baby- und Kinder­kleidung zur Miete an. Die ersten Ergeb­nisse sind vielver­spre­chend!

Was halten Tchibo Kunden von Ihren nachhal­tigen Ideen und Angeboten?

Die ökolo­gische und soziale Revolution ist nicht nur eine Frage der Zukunfts­si­cherung und des Überlebens – sondern auch der tiefste Wunsch der Kunden, wenn auch nicht aller. Unsere Kunden stellen uns Fragen: Sie wollen wissen, wie die Produkte herge­stellt werden, die sie kaufen. Sie wollen sicher­gehen, dass Menschen, Tieren, der Natur kein Schaden zugefügt wird. Diese Einstellung hat sich in den vergan­genen Jahren auch durch den Einfluss der Medien und der sozialen Netzwerke deutlich verstärkt, und das ist richtig so. Es geht um die Verant­wortung für kommende Genera­tionen. Meine Kollegen berichten, dass nicht sie ihre Kinder nachhaltig erziehen, sondern anders­herum: Die Kinder erziehen uns! Sie stellen Fragen und fordern Antworten. Daher freue ich mich ganz besonders über den Erfolg unseres Miets­er­vices Tchibo Share – denn hier sehen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.